Allgemeine Zeitung Mainz
Vereinbarung von Ratio und Emotio
10.10.2007
lew. Rationalität und Emotion werden in unserer Gesellschaft von den meisten Menschen als Gegensätze begriffen. Die Künstler Christoph Nuehlen (32) und Remon (35) hinterfragen den Anspruch des 21. Jahrhunderts, alles rein rational zu sehen. Mit der aktuellen Ausstellung in der Peng-Galerie gewähren sie Einblick in ihre Weltanschauung und zeigen, dass Ratio und Emotion untrennbar miteinander verbunden sind.
Christoph Nuehlen lenkt mit Malerei, Fotografie und Videokunst den Fokus auf das Intuitive. In seinen Fotografien konzentriert er sich auf das Detail. Mit seiner Fotoreihe L’amour 2022? zeigt er, wie gefühlskalt zwischenmenschliche Beziehungen in der Zukunft aussehen könnten, das Motiv ist der Belüftungsschacht eines Computers. In seiner Collage ‘08/15 Little Boy’ beschäftigt er sich mit dem Angriff auf Hiroshima. Die Atombombe, die um 8.15 Uhr abgeworfen wurde, wurde von den Soldaten zynischerweise ‘Little Boy’ genannt. Die Collage zeigt neben Opfern, wie missgebildeten Kindern, unter anderem auch Originalbriefe. In seinen Arbeiten konzentriert er sich auf Grautöne und dunkle, trübe, verwaschene Farben oder helle Pastelltöne.
Die Bilder und Videos regen zum Nachdenken an. In Remons Videoinstallation ‘Cellular Music’ ziehen Klänge den Betrachter in seinen Bann. Die Intention seiner Arbeiten ist ein emotionaler Zugang zu rationalem Denken.
‘Sonnenaufgang fürs Abendland’ ist der Titel ihrer Ausstellung. Der Sonnenaufgang symbolisiert dabei die Bereitschaft, Emotion in der abendländischen Industriegesellschaft zuzulassen.
Die Ausstellung ist bis Samstag, 13. Oktober, 17 bis 20 Uhr, im ‘Pengland’, Reichklarastraße 2-4, zu sehen. Am Samstag endet der ‘Sonnenaufgang fürs Abendland’ mit einer Finissage um 19 Uhr.
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Rhein-Zeitung Mainz
Kreative Denkanstöße gegen die allzu glatte Oberfläche
8.10.2007
Christoph Nuehlen und Remon präsentieren ihre Werke im ‘Pengland’
MAINZ. Mit ihrem ‘Sonnenaufgang fürs Abendland’ setzen Christoph Nuehlen und Remon im ‘Pengland’ neue Licht- und Denkimpulse. In ihrer Ausstellung durchleuchten sie das aktuelle ästhetische Empfinden, dem für sie häufig nur noch nahtlos blank polierte und glatte Oberflächenmerkmale entsprechen. Dabei ist Kunst eine Form der Kommunikation, und es sollte der Rede wert sein, was man in ihr äußert, sagt Nuehlen.
Warum ist zum Beispiel auf seiner mit 08/15 Little Boy betitelten Decollage aus Fotos, Materialrelief und Briefen von Piloten ein deformierter Fötus zu sehen? Weil auf ihr der Abwurf der beängstigend liebevoll Little Boy genannten Bombe auf Hiroshima am 6. August 1945 um 8.15 Uhr thematisiert wird. Sie sorgte dafür, dass viele kleine Jungen dort bis heute eben nicht als 08/15-Kinder auf die Welt kommen.
In seinem Memento Mori dekonstruiert er dann den Schrecken des Todes. Den Schädel auf dem mit Acrylfarben und Edding gemalten Gemälde schmückt unter anderem eine Blume und in seinem Kopf findet gerade eine Explosion statt, die Nuehlen als Urknall des Bewußtseins bezeichnet. Schließlich geht mit der Vergegenwärtigung der Endlichkeit auch eine erhöhte Sensibilität für den Wert des Lebens einher. So wird Nuehlens Bild ein Bewusstseins forderndes Gegenmodel zum todesblinden Vorwärtsstreben unserer Zeit.
Auch Remons Werke dekonstruieren eine verbreitete Einstellung, nämlich die, dass Mathematik immer kalt und abstrakt sein muss. In seinem audiovisuellen Werk Cellular Music ließ er durch zelluläre Automaten berechnete Raum-Zeit-Muster durch eine Programmiersprache in Klänge und Bilder wandeln. Das Ergebnis: fließende Grafik und ein fast sakraler Tonteppich. Auch seinem Fractal Forest liegt ein mathematisches Modell zugrunde, der Mandelbrotbaum. Den ließ Remon vom elektrischen Zauberkasten zu einem waldartigen Gebilde wandeln, dessen nadelartige Bäume unheimliche Schatten werfen. Die Mathematik stellt sich für Remon so als märchenhaft mystisch und träumerisch dar. Nele Schüller
Die Ausstellung im Pengland, Reichklarastraße 2-4, ist bis Samstag, 13. Oktober, täglich von 17 bis 20 Uhr geöffnet.